Berlin à la carte 2010

KGB Berlin-Neukölln

Berlin à la carte 2010

 

Das Thema „Berlin à la carte“ ergab sich zufällig und folgendermaßen:

Maria wartete an einer Bushaltestelle an der Neuköllner Sonnenallee auf den Bus der berühmten Linie M41. Ein Mann, der aussah wie ein Obdachloser, wie ein Junkie, wühlte in der Nähe der Bushaltestelle in einem Mülleimer. Sein ganzer Arm steckte im Abfallkorb und wühlte darin herum. Alles, was seine Hand erfasste und nicht essbar erschien, beförderte er in hohem Bogen hinaus. Um ihn herum lag bereits fast der komplette Abfalleimerinhalt. Doch der Mann hatte Glück und erwischte etwas, was ihm noch genießbar erschien.

Ein ebenfalls an der Bushaltestelle wartender türkischer Mann wollte Mitgefühl zeigen und dem wühlenden Mann etwas Geld geben. Dieser jedoch wies dessen Hand mit dem Geldstück zurück und antwortete barsch wie folgt:

„Stören Sie nicht, ich esse gerade.“

Maria zog aus dieser Begebenheit folgendes Fazit: Geld kann man nicht essen. Essende sind daher, nicht nur dem Anlass dieser Ausstellung geschuldet, ein beliebtes Motiv von ihr. Sie sagt, Essende sind friedlich. Essende lassen sich nicht stören, egal an welchen Orten sich Essende aufhalten, ob zuhause, in der U-Bahn, auf öffentlichen Plätzen, auf Bahnsteigen oder auf Flughäfen.

Wie die Essenden ihre Lebensmittel verschlingen oder genießen, so verschlingt und genießt Maria Es die Großstadt. Essen ist ein menschliches Bedürfnis. Alle Menschen müssen essen. Und wie heißt es doch so schön: Kunst ist Lebensmittel.

Ihr Interesse gilt dabei der Struktur einer Großstadt wie Berlin. Dabei beobachtet sie die Menschen, die sich nicht ins Bild drängen, sondern die im Hintergrund bleiben. Die Menschen, die im Hintergrund quasi unsichtbar den Alltag der Großstadt organisieren, aber auch die, die im Hintergrund der Großstadt ihr Dasein fristen beziehungsweise ausleben. Die unsichtbaren Organisatoren der Großstadt, die Maria Es ins Auge fallen, sind beispielsweise Mitarbeiter von Polizei oder Stadtreinigung.

‘Goldenen Tramp’

Und es gibt  den konstanten Typus des „Goldenen Tramps“ – eine schon mythische Großstadtfigur, die in den Bildern dieser Ausstellung immer wieder auftaucht.

Maria präsentiert ihn als liegenden, friedlichen, schlafenden Menschen.

Daneben ein Müllhaufen, ebenfalls auf dem Boden liegend.

Beide, Mensch und Ding, finden in der Großstadt ihr Publikum.

Text: Tanka Ticker, Berlin den 24.09.2010